Zusammenfassung

1. Das Wetterrisiko: Die Gefahr einer extremen Kältewelle

Der größte Unsicherheitsfaktor für die Versorgungssicherheit bleibt das Wetter. Die Speicherstrategie basiert auf durchschnittlichen Wintertemperaturen. Tritt jedoch ein extrem harter und langanhaltender Winter ein, schnellt der Gasverbrauch von Haushalten und Industrie rasant in die Höhe. In einem solchen Szenario leeren sich die Speicher deutlich schneller, als Gas über Pipelines und LNG-Terminals nachfließen kann. Ohne deutliche Einsparungen drohen dann kritische Engpässe gegen Ende des Winters.

2. Geopolitische Instabilität und Sabotage

Deutschland bezieht sein Erdgas heute primär über Pipelines aus Norwegen sowie über LNG-Terminals aus Ländern wie den USA und Katar. Diese Lieferketten sind hochgradig verwundbar:

  • Infrastruktur im Visier: Die Sabotage an den Nord-Stream-Pipelines und Beschädigungen an Leitungen in der Ostsee haben gezeigt, dass die maritime Energieinfrastruktur ein potenzielles Ziel für hybride Angriffe ist. Ein Ausfall der norwegischen Pipelines im Winter wäre für Deutschland kaum zu kompensieren.
  • Globale Brennpunkte: Politische Eskalationen im Nahen Osten oder im Südchinesischen Meer können die Routen von LNG-Tankern blockieren oder verzögern, was zu sofortigen Lieferausfällen führt.

3. Der globale Wettbewerb um Flüssiggas (LNG)

Flüssiggas ist kein exklusives Gut für den europäischen Markt. Deutschland konkurriert auf dem Weltmarkt direkt mit asiatischen Wirtschaftsmächten wie China, Japan und Südkorea. Sollte es in Asien zu einem strengen Winter kommen, steigt dort die Nachfrage massiv an. Da LNG-Lieferungen oft an den Meistbietenden gehen, drohen Deutschland bei weltweiten Engpässen nicht nur astronomische Preise, sondern im schlimmsten Fall physische Lieferengpässe, da der globale Markt für verflüssigtes Gas extrem unflexibel ist.

4. Das Ende der verbleibenden Transitrouten

Obwohl Deutschland kein Gas mehr direkt aus Russland bezieht, hängen einige europäische Nachbarstaaten im Osten und Süden noch immer an russischen Restlieferungen, die über Pipelines durch die Ukraine geleitet werden. Das offizielle Auslaufen von Transitverträgen oder plötzliche kriegsbedingte Zerstörungen dieser Routen zwingen diese Länder, sich kurzfristig über den westeuropäischen Markt zu versorgen. Deutschland müsste in diesem Fall über sein Pipelinenetz solidarisch Gas an Nachbarn wie Österreich oder die Tschechische Republik abgeben, was die eigenen Reserven massiv belasten würde.

5. Nachlassen der Sparbereitschaft

In den ersten Krisenwintern haben Bevölkerung und Industrie durch diszipliniertes Sparverhalten (oft getrieben durch historische Höchstpreise) den Gasverbrauch um mehr als 15 bis 20 Prozent gesenkt. Mit der Normalisierung der Preise und einer spürbaren Gewöhnung an die Situation schwindet jedoch der psychologische Druck. Sollte die Sparbereitschaft in der Breite der Gesellschaft spürbar nachlassen, erhöht dies das Risiko einer vorzeitigen Speicherentleerung drastisch.

Fazit

Deutschlands Gasversorgung ist heute resilienter aufgestellt als im Jahr 2022, doch von einer absoluten Entwarnung kann keine Rede sein. Die Energieversorgung gleicht einem fragilen Mosaik: Fällt nur ein Steinchen – sei es durch Sabotage, einen sibirischen Winter oder Lieferstopps auf dem Weltmarkt – gerät das gesamte System ins Wanken. Die Bundesnetzagentur mahnt daher zu Recht: Ein sparsamer und bewusster Umgang mit Gas bleibt auch in diesem Winter die wichtigste Versicherung gegen die Krise.


Ausgangslage:
Durch den Krieg, welcher seit 2022 an der russisch-ukrainischen Grenze wütet, hat sich die Bundesregierung entschlossen, Russland als Aggressor zu benennen und das Land zu sanktionieren. Wir widmen diesem Thema aus der Sicht der deutschen Gasversorgung.

Was ist Gas überhaupt?

Gas muss erstmal begrifflich unterschieden werden:



Hauptenergieträger: Erdgas

Erdgas (bestehend aus ca. 75–99 % Methan) wird in zwei Qualitäten durch das Netz geleitet: [1, 2]

  • H-Gas (High calorific gas): Besitzt einen hohen Methangehalt und damit einen hohen Energiegehalt. Die Industrie nutzt fast ausschließlich diese energiereiche Variante. (Deutschland stellt das Netz bis 2030 komplett von L-Gas auf H-Gas um). [1, 2, 3]
  • LNG (Liquefied Natural Gas): Per Schiff importiertes, tiefgekühlt verflüssigtes Erdgas, das vor allem für Großverbraucher eine wichtige Säule der Versorgungssicherheit darstellt. [1, 2, 3]

Hauptabnehmer von Erdgas:
Die chemische Industrie ist der größte Verbraucher (nutzt es als Brennstoff und als Rohstoff, z. B. zur Herstellung von Ammoniak für Düngemittel). Dahinter folgen die Metallerzeugung, die Papierindustrie sowie die Glas- und Keramikindustrie (für Schmelzöfen). [1, 2, 3, 4, 5]


Technische Gase und Industriegase

Neben Erdgas benötigt die Industrie eine Vielzahl spezifischer Gase für Schweiß-, Kühl-, Reinigungs- oder Fertigungsprozesse: [1]

  • Luftgase (aus der Umgebungsluft gewonnen):
    • Stickstoff (N₂): Wird als inertes (reaktionsträges) Schutzgas verwendet, um Brände oder Oxidation zu verhindern (z. B. in der Chemie oder Elektronik).
    • Sauerstoff (O₂): Wichtig für Verbrennungsprozesse, Metallerzeugung (Hochöfen) und in der Umwelttechnik.
    • Argon (Ar): Ein Edelgas, das beim Schweißen (MIG/MAG) als Schutzgas dient. [1, 2, 3, 4]
  • Prozessgase:
    • Wasserstoff (H₂): Bisher wichtig in der Chemie und Raffinerie. Er wird derzeit massiv ausgebaut, um als „grüner Wasserstoff“ Kohle und Erdgas in der Stahlindustrie zu ersetzen.
    • Kohlendioxid (CO₂): Genutzt in der Lebensmittelindustrie (z. B. für Getränke oder Verpackungen) und als Kühlmittel.
    • Acetylen (C₂H₂): Ein hochentzündliches Gas, das primär als Brenngas zum Autogenschweißen und Brennschneiden genutzt wird. [1, 2, 3, 4]

Weitere Brenngase (Netzunabhängig)

  • LPG / Flüssiggas (Propan/Butan): Wird in Tanks gelagert. Betriebe nutzen es oft dort, wo kein Erdgasanschluss liegt, oder als Kraftstoff für Gabelstapler. [1, 2, 3]
  • Biogas / Biomethan: Gewonnen aus organischen Abfällen. Es wird zunehmend von der Industrie eingekauft, um den CO₂-Fußabdruck der Produktion zu senken. [1, 2, 3]

Wie wichtig ist Gas in der deutschen Grundversorgung?

Erdgas: Dient vor allem zur flexiblen Spitzenabdeckung und zur gleichzeitigen Erzeugung von Strom und Wärme (Kraft-Wärme-Kopplung). [1, 2, 3, 4]

Wenn im Winter zeitgleich kaum Wind weht und die Sonne nicht scheint (eine sogenannte „kalte Dunkelflaute“), bricht die Erzeugung aus Wind und Solar stark ein. [1]

Hierzu springen steuerbare Erdgaskraftwerke, verbleibende Kohlekraftwerke sowie Batteriespeicher ein, ergänzt durch Stromimporte aus dem europäischen Verbundnetz. [1]

Da der Strombedarf im Winter durch Licht und Heizung deutlich höher ist als im Sommer, wird die verbleibende Versorgungslücke flexibel geschlossen. [1]

Am seidenen Faden: Warum Deutschlands Gasversorgung im Winter verwundbar bleibt

Zwei Jahre nach dem abrupten Ende russischer Pipeline-Lieferungen hat sich die deutsche Gasversorgung vordergründig stabilisiert. Die Gasspeicher sind vor dem Winter verlässlich gefüllt, und neue Infrastrukturen wie Flüssiggastanks (LNG) stehen bereit. Doch die scheinbare Sicherheit trügt. Hinter den Kulissen warnen Experten, Branchenverbände und die Bundesnetzagentur, dass das System weiterhin auf Kante genäht ist. Ein Zusammenspiel aus klimatischen Faktoren, geopolitischen Risiken und unvorhersehbaren Ereignissen könnte die Versorgung in den kalten Monaten schnell wieder gefährden.